wi schnackt platt - Becklingen - im Norden des Celler Landes

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wi schnackt platt

persönlich
Unsere Sprache war und ist plattdeutsch, auch wenn die meisten jungen Leute es nicht (mehr) sprechen. Plattdeutsch ist eine (noch) lebendige Sprache in ganz Norddeutschland. Mehr oder weniger selbstverständlich wird diese Sprache im täglichen Miteinander benutzt.

Das Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen umschreibt das trefflich wie folgt: "Das Niederdeutsche hat in norddeutschen Landen noch die Zuschreibung des Selbstverständlichen, es gilt als ein Kennzeichen lebendiger Alltagskultur. Sehr viele Bewohner der norddeutschen Bundesländer verstehen die niederdeutsche Sprache, viele können sie sprechen, allein fehlt es, jedenfalls in der Regel, an grundlegendem Wissen zur derzeitigen gesellschaftlichen Wirklichkeit dieser Sprache. Was die Kultur, die Geschichte und die Bedeutung dieser Sprache betrifft, herrscht bei den meisten Sprachnutzern außerhalb der Expertenebene zumeist Desinteresse. Zusammengefasst ergibt sich also die merkwürdige Konstruktion, dass in der Region einer durchaus vertrauten Erscheinung, der niederdeutschen Sprache, mit einiger Selbstverständlichkeit begegnet wird, aber in der Regel herzlich wenig darüber gewusst wird."

Da wollen wir zum Wissen doch gern mal beitragen:

Irrtum 1: Plattdeutsch heißt Plattdeutsch, weil es auf dem "platten" Lande gesprochen wird.

Erst im 17. Jahrhundert kommt die Bezeichnung Plattdeutsch auf, die sassesch (von sächsisch) verdrängt und zum allgemeinen Namen für das Niederdeutsche wird. Dieser neue Name für das Niederdeutsche kommt aus dem Niederländischen. Der früheste Beleg findet sich in einem Neuen Testament, das 1524 in Delft (NL) gedruckt wurde. In Titel und Vorwort heißt es, das Buch sei in goede platten duytsche verfasst, also in guter klarer Volkssprache (im Gegensatz zur weniger gut verständlichen Gelehrtensprache). Das niederländische Adjektiv plat „flach, eben“ bedeutet dabei nicht „vom flachen Lande“, sondern „klar, deutlich, jedermann verständlich“ im Sinn von „unverstellt, unbehindert“, im Gegensatz zur deutschen Amtssprache.
Niederdeutsch war nach seiner Blütezeit jahrhundertelang als Sprache der einfachen Menschen sozial verachtet. Den Sprachen und Kulturen, die neben der deutschen Stan­dardsprache auf diesem Sprachgebiet vorhanden waren, wurde so gut wie kein geistig-gesellschaftlicher Wert beigemessen. Es gab für sie keinen festen Platz im staatlich organisierten Bildungswesen.

Irrtum 2: Plattdeutsch ist ein Dialekt.

Nein, Plattdeutsch ist kein Dialekt, sondern eine "andere deutsche Sprache". Sie stammt vom altsächsischen ab, hingegen stammt deutsch vom althochdeutschen ab. Für unseren Bereich, Niedersachsen oder auch Altsachsen, waren die Sachsen prägend, ein germanischer Stamm bzw. letztlich ein Verbund, der mit seinen Heeresverbänden sprachlich prägend wurde: Im 9. Jahrhundert bildete sich das Herzogtums Sachsen, bestehend aus den Teilen Westfalen (Westsachsen), Engern (Gebiet der Angrivarier), Ostfalen (Ostsachsen) und Nordalbingien („Gebiet nördlich der Elbe“). Diese Prägungen sind die Dialekte innerhalb der plattdeutschen Sprache in Niedersachsen.

Die Entstehung der heutigen plattdeutschen Sprache aus dem Altsächsischen und Mittelniederdeutschen mit ihren Dialekten gliedert sich wie folgt:
  
  • Altsächsisch (Altniederdeutsch) † (ca. 5 Jh. - ca. 1225/34)
    • Mittelniederdeutsch † (ca. 1225/34 – 16. Jhd.)
      • (Neu-) Niederdeutsch (Plattdeutsch) (16. Jhd. bis heute)
        • Westniederdeutsch
          • Nedersaksisch (in nordöstl. Niederlande)
          • Nordniedersächsisch
            • mehrere Varianten, darunter auch das nördliche „Heidjerplatt
          • Westfälisch
          • Ostfälisch
            • rund 23 Dialekte, darunter das Heideostfälisch (südl. „Heidjerplatt“)
        • Ostniederdeutsch
          • Mecklenburgisch-Vorpommersch
          • Ostpommersch
          • Niederpreußisch
          • Brandenburgisch (Nord-, Mittel- und Südmärkisch)
        • Plautdietsch

Irrtum 3: Wir sprechen Nordniedersächsisch oder Heidjerplatt

Hier muß man ein klares Jein zu sagen. Das Nordniedersächsich, was meist in Radio und Fernsehen zu finden ist, ist nicht unser Platt.            
Für unseren Bereich (Niedersachsen) sind drei Sprachuntergruppen anzutreffen: Nordniedersächsisch, darunter auch das eigentliche Heidjerplatt, Westfälisch und Ostfälisch, letzteres mit rund 23 Dialekten, darunter das „Heideostfälisch“, das südliche „Heidjerplatt“.

Becklingen liegt genau an dieser Sprachgrenze zum Nordniedersächsischen. Das hier gesprochene Platt gehört noch zum ostfälischen Großdialekt. Die nördlichste Verbreitung umfaßt dabei noch die Landkreise Uelzen - Celle - Hannover - Stadthagen - Bückeburg (einschließlich dieser Städte), also in der südlichen Lüneburger Heide, insbesondere aber im Raum Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Göttingen, somit in einem Großteil des historischen Ostfalen. Und um genau zu sein, sprechen wir hier das sog. Heideostfälisch. Nur wenige Kilometer weiter nördlich durch das Große Moor in Wietzendorf und durch das Becklinger Holz westlich in Dörfern des Landkreises Heidekreis finden wir nordniedersächsisches Platt. Es treffen hier zwei verschiedene plattdeutsche Dialekte aufeinander. So sprechen die Becklinger „mik“ und „dik“ (für mir/mich und dir/dich), während die Wietzendorfer „mi“ und „di“ sagen. Auch der Ostfale sagt "mik" und "dik", der Nordniedersachse hingegen "mi" und "di". Dieser Unterschied gilt auch für die Formen „ön / öhn(e) / öm / öhm(e)“ für 3. Person Singular maskulin („ihm, ihn“); ebenso für „üsch“ (uns) und „jükundjüm (Euch/Ihnen), im nordniedersächsischen: em, us, u[n]s, jo [ju].  Allerdings merkt man auch hier wiederum, dass Becklingen im „Grenzgebiet“ der beiden Dialekte liegt, denn hier ist wiederum die nordniedersächsische Form „us“ statt „üsch“ gebräuchlich, hingegen aber „jükundjümdes Heideostfälischen. Die Besonderheit unserer Sprache zeigt sich aber darin, dass sich bei allen diesen Formen der Akkusativ gegenüber dem Dativ durchgesetzt hat (im Nordniedersächsischen ist es genau umgekehrt). Außerdem werden im nordniedersächsischen "st" und "sp" nicht wie "scht" und "schp" gesprochen. Dort "s-tolpern de Lüe ower 'n s-piss'n S-tein", im ostfälischen "schtolpern de Lüe öwer 'n schpitzen Schtein".

Becklingen zeigt sich also als Misch- oder Übergangsgebiet, aber mit eindeutigem ostfälischem Dialekthintergrund. Es gibt im Ostfälischen noch schöne Wörter wie "drieschakeln" (triezen, ärgern), "täuwen/täuw'n" (warten) oder „Telken“ (Ast, Zweig; im friesischen: Takken), auch Wörter, die es in anderen plattdeutschen Dialekten so nicht gibt. Die ostfälische Sprache ist für die meisten Menschen aus anderen (Bundes-) Ländern schwerer zu verstehen, als nordniedersächsisches Platt, da sie zum einen durch viele ungewöhnliche Wörter gekennzeichnet ist, die für jede Region unterschiedlich sind und sich die Aussprache zum Teil schon von Dorf zu Dorf verändert. Aufgrund dieser Verschiedenheit lässt sich der jeweilige Dialekt auch nicht so einfach verschriftlichen.   

Der (allgemeine) Plattdeutsche Wortschatz weist einen erheblichen Anteil an Wörter auf, die es im Hochdeutschen und den mittel- und oberdeutschen Dialekten nicht gibt, wohl aber z.B. in angelsächsischen und den skandinavischen Sprachen. Schätzungen zufolge dürfte mehr als 20 Prozent des plattdeutschen Wortschatzes keine direkte Entsprechung im heutigen Hochdeutsch haben.

Trotzdem nennen wir unser Plattdeutsch auch "Heidjer-Platt" (von Heidjer - ortsübliche Bezeichnung für einen Bewohner der Lüneburger Heide), aber "Heidjer-Platt" ist eigentlich die Bezeichnung für die zwei in der Lüneburger Heide und in der Wümmeniederung gesprochenen niedersächsischen Dialekte, die zur nordniedersächsisch-plattdeutschen Gruppe (im Nordwesten) und zum Ostfälischen (Heideostfälisch, im Südosten) zählen. Auch die Trennlinie der beiden Heidjer-Platt Dialekte verläuft in etwa entlang der Linie Uelzen-Celle-Wedemark. Das südliche "Heidjer-Platt" ist das o. g. Heideostfälisch, so die offizielle Bezeichnung unserer Mundart. Heideostfälisch ist ein Dialekt des Ostfälischen, der teilweise mit nordniederdeutschen Elementen durchsetzt ist.

Man sagt dieser Sprache und diesen Menschen nach, sich dem Feudalismus und Christentum länger als die meisten anderen Gruppen in der Region widersetzt zu haben. So wurde erst 785 der sächsische Herzog Widukind getauft und leitete damit die Christianisierung der Sachsen ein. Es kommt 794 zur entscheidenden Schlacht auf dem Sintfeld und 804 endgültig zur Eingliederung der Sachsen in das Reich Karls des Großen unter Beibehaltung der Things.

Die Menschen hier sind stur - der sture Heidjer halt. Dies erklärt zum Teil die alte Art ihrer Zunge. Möglich ist es, aber kaum wahrscheinlich, da die sprachlichen Änderungen von der Christianisierung bis zur Neuzeit noch zu gravierend waren. Zumindest, und das mit einem zwinkernden Auge, würde das aber den „sturen Heidjer“ erklären, der diese Änderungen nicht mitmachen wollte und sich lange widersetzte.

Das was hier als Sprachraum und -grenze dargestellt ist, schildert Friedrich Barenscheer im Erbhofbuch der Bauernfamilie Brammer mit anderen Worten trefflich wie folgt:

So ärgern sich die Kinder mit denen aus der Fallingbosteler Gegend, den Overheieschen, und wenn ein Knecht oder eine Magd eine Stelle drüben angenommen hatte, so wurde er verächtlich angeschaut: „Quetschkartuffeln un Öljeschmalt!“ Der Höhenrücken zwischen dem Kreis Fallingbostel und Kreis Celle bildete die Grenze zwischen den feindlichen Lagern. Bei uns wohnten die Mik-Leute und drüben die Mi-Leute. Wahrscheinlich sind es in alter Zeit zwei verschiedene Völkerschaften gewesen, die hier auf dem Höhenrücken zusammenstießen, bei uns die Dulgubnier und drüben die Langobarden. Ob Karl der Große es gewesen ist, der die beiden Völkerschaften zu dem übergroßen Gau des Loingo zusammen geschlagen hat, kann man nicht mehr nachprüfen. Aber der Gegensatz ist noch heute da. In alter Zeit ist verhältnismäßig selten über die Grenze geheiratet worden.“

Im Übrigen auch heute noch...

 
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